MethodeWas wird berechnet?
Empirische Einstellregeln kommen ohne exaktes Streckenmodell aus (Zacher/Reuter Abschn. 8.2). Beim Wendetangenten-Verfahren wird die Sprungantwort der Strecke durch K_S·e^(−s·Tu)/(1 + s·Tg) angenähert: Die Tangente im Wendepunkt schneidet aus der Zeitachse die Verzugszeit Tu und aus der Endwertlinie die Ausgleichszeit Tg (Bild 8.5). Das Verhältnis Tg/Tu ist die Regelbarkeit – je größer, desto kräftiger darf der Regler eingestellt werden. Ziegler-Nichols zielt auf gutes Störverhalten mit etwa 25 % Amplitudenabnahme je Periode (D ≈ 0,2–0,3), Chien/Hrones/Reswick unterscheiden Führungs- und Störverhalten sowie aperiodischen Verlauf und 20 % Überschwingen, Samal halbiert die Verstärkung für träge Anlagen, und die T-Summen-Regel nach Kuhn nutzt die Summenzeitkonstante T_Σ. Beim Schwingversuch wird ein P-Regler bis zur Dauerschwingung angehoben; aus K_PR,krit und der Periodendauer T_krit folgen die Ziegler-Nichols-Werte. Die kritischen Werte lassen sich mit Gl. 8.10 auch aus Tu und Tg abschätzen oder mit dem Bode-/Wurzelortskurven-Rechner berechnen.
Gleichungen
G_S(s) ≈ K_S·e^(−s·Tu)/(1 + s·Tg) (Bild 8.5)
Ziegler-Nichols (Sprung): K_PR·K_S·Tu/Tg = 1 | 0,9 | 1,2; Tn = 3,3·Tu | 2·Tu; Tv = 0,5·Tu
Ziegler-Nichols (Schwingversuch): K_PR = 0,5 | 0,45 | 0,6·K_krit; Tn = 0,83·T_krit | 0,5·T_krit; Tv = 0,125·T_krit
CHR: K_PR·K_S·Tu/Tg nach Tabelle (0,3 … 1,2), Tn = 1,2·Tg … 2,0·Tu, Tv = 0,42 … 0,5·Tu
Samal: K_PR = Tg/(2·K_S·Tu); Gl. 8.10: K_krit ≈ (Tg/(2·Tu) + 1)/K_S
GrenzenVoraussetzungen und typische Fehler
Gültig für Strecken mit Ausgleich, die sich durch PT1 + Totzeit annähern lassen (Zacher/Reuter Gl. 8.4); nicht für I-Strecken, schwingfähige oder instabile Strecken. Die Tabellenwerte stammen aus Simulationen mit einfachen Modellen; reale Anlagen mit Stellgrößenbegrenzung oder Nichtlinearitäten erfordern Nachjustierung. Heinrich Tab. 7.9 nennt für den Schwingversuch leicht abweichende Faktoren (0,455/0,588 statt 0,45/0,6); der Rechner folgt Zacher/Reuter.
Tu und Tg vertauschen oder die Tangente nicht im Wendepunkt anlegen. Einstellwerte für Störverhalten verwenden, obwohl Sollwertsprünge im Vordergrund stehen (Überschwingen). Tn/Tv der additiven Form in einen Regler mit multiplikativer (seriellen) Struktur übernehmen, ohne umzurechnen.
Welche Methode wann?
Ziegler-Nichols: schnelles Störverhalten, kräftig, für träge Prozesse oft zu schwingfreudig. CHR aperiodisch: kein Überschwingen, langsamer – für Führungsgrößen, die nicht überschritten werden dürfen. CHR 20 %: Kompromiss aus Schnelligkeit und Dämpfung. Samal: langsame Anlagen im Anlagenbau (Heinrich Abschn. 7.4.2). T-Summen-Regel: wenn die Wendetangente schwer zu zeichnen ist, aber die Fläche über der Sprungantwort ausgewertet werden kann.
BeispielPraxisbeispiel aus der Literatur
Zacher/Reuter Beispiel 8.3: Für die P-T2-Totzeitstrecke (K_S = 0,8, T₁ = 5 s, T₂ = 6 s, Tt = 2 s) ergibt die Simulation K_PR,krit = 7,9 und T_krit ≈ 15 s. Die Ziegler-Nichols-Tabelle liefert den PI-Regler K_PR = 0,45·7,9 = 3,55 und Tn = 0,83·15 s = 12,45 s. Der so eingestellte Kreis überschwingt um 50 %; das Buch verbessert per Simulation auf K_PR = 1, Tn = 8 s.
EinordnungWofür der Rechner da ist
Erstinbetriebnahme von Temperatur-, Druck-, Füllstand- und Durchflussregelungen in der Verfahrenstechnik, Antriebs- und Heizungsregler, Laborübungen. Die Regeln liefern verlässliche Startwerte, wenn nur eine Sprungantwort vorliegt.
So gehst du vor
- Sprungantwort der Strecke aufnehmen und Wendetangente einzeichnen; K_S, Tu und Tg ablesen (oder Schwingversuch durchführen).
- Regelbarkeit prüfen und Verfahren nach Ziel wählen: Störverhalten (Ziegler-Nichols, CHR Störung) oder Führungsverhalten (CHR Führung).
- Einstellwerte in den Sprungantwort-Rechner übernehmen und Überschwingen sowie Ausregelzeit prüfen.
- An der Anlage vorsichtig nachjustieren; Ziegler-Nichols-Werte sind bewusst aggressiv.
QuelleFachliche Grundlage
Zacher/Reuter, Regelungstechnik für Ingenieure, 17. Aufl. 2024: Abschn. 8.2.1 Wendetangenten-Verfahren, Ziegler-Nichols, Samal, Regelbarkeit, Chien/Hrones/Reswick, T-Summen-Regel (Gl. 8.4–8.11, Tabellen), Beispiel 8.3. Heinrich, Grundlagen Regelungstechnik, 6. Aufl., Abschn. 7.4, Tab. 7.9 und 7.10. Dubbel, Kap. X, Abschn. 5.3.
Die Quellen belegen Gleichungen und Zahlenbeispiele; die Referenzbeispiele werden in den automatischen Tests des Rechners nachgerechnet. Der Rechner ersetzt keine Simulation mit dem vollständigen nichtlinearen Anlagenmodell.
Zuletzt aktualisiert: 2026-09-20
FAQHäufige Fragen
Warum überschwingt Ziegler-Nichols so stark?
Die Regel ist auf schnelles Ausregeln von Störungen mit D ≈ 0,2–0,3 ausgelegt (Zacher/Reuter Abschn. 8.2.1). Für Sollwertsprünge sind die CHR-Führungswerte oder eine anschließende Simulation besser.
Wie bekomme ich K_krit ohne Versuch an der Anlage?
Aus der Amplitudenreserve im Bode-Diagramm (K_krit = K·A_R), aus dem Achsenschnitt der Wurzelortskurve oder näherungsweise mit Gl. 8.10 aus Tu und Tg.
Gilt die Tabelle für digitale Regler?
Bei kleiner Abtastzeit T_A ≪ Tu ja; sonst ist die Abtastzeit als zusätzliche halbe Totzeit zu berücksichtigen (Zacher/Reuter, Einstellregeln nach Takahashi).