Regelungstechnik · Zacher/Reuter, Regelungstechnik für Ingenieure, 17. Aufl. 2024, Abschn. 8.2.1

PID-Einstellregeln: Ziegler-Nichols, Chien/Hrones/Reswick, Samal und T-Summen-Regel

Einstellwerte für P-, PI- und PID-Regler aus der Wendetangente (K_S, Tu, Tg) oder aus dem Schwingversuch (K_krit, T_krit) nach Ziegler-Nichols, Chien/Hrones/Reswick, Samal und Kuhn berechnen – mit Regelbarkeitskennzahl und Hinweis, wann welche Regel passt.

G(s)Zacher/Reuter 2024
01

Streckenkennwerte

Tn und Tv gelten für die additive Reglerform K_PR·(1 + 1/(s·Tn) + s·Tv). Die Werte sind Startwerte für die Inbetriebnahme.

02

Einstellwerte

Tg/TuRegelbarkeit Tg/Tu nach Zacher/Reuter Abschn. 8.2.1: > 10 sehr gut, 3…10 gut, < 3 schlecht.
5gut regelbar
K_PR,krit (Gl. 8.10)Geschätzte kritische P-Verstärkung nach Gl. 8.10.
4,375
RegelReglerK_PRTn [s]Tv [s]
Ziegler-Nichols (Sprungantwort)Ausgelegt auf gutes Störverhalten mit etwa 25 % Amplitudenabnahme pro Periode (D ≈ 0,2–0,3).P6,25
PI5,6259,9
PID7,561,5
Chien/Hrones/Reswick – aperiodisch, FührungP1,875
PI2,187518
PID3,75151,5
Chien/Hrones/Reswick – aperiodisch, StörungP1,875
PI3,7512
PID5,93757,21,26
Chien/Hrones/Reswick – 20 % Überschwingen, FührungP4,375
PI3,7515
PID5,937520,251,41
Chien/Hrones/Reswick – 20 % Überschwingen, StörungP4,375
PI4,3756,9
PID7,561,26
SamalGl. (8.11): halbe Ziegler-Nichols-Verstärkung für langsame, träge Anlagen.P3,125
PI3,1259,9
PID3,12561,5

Einstellwerte anschließend im Sprungantwort-Rechner prüfen.

Führungssprungantworten der PI-Einstellungen an der Ersatzstrecke

Simulation des geschlossenen Kreises mit der Wendetangenten-Ersatzstrecke K_S·e^(−s·Tu)/(1 + s·Tg) für jede Regel (Zacher/Reuter Gl. 8.4). Die reale Strecke höherer Ordnung weicht davon ab – die Kurven zeigen die Tendenz: Ziegler-Nichols schnell und schwingfreudig, CHR aperiodisch ohne Überschwingen.

02040608000,511,5w₀ = 1x(t)t [s]Ziegler-Nichols (Sprungantwort)Chien/Hrones/Reswick – aperiodisch, FührungChien/Hrones/Reswick – aperiodisch, StörungChien/Hrones/Reswick – 20 % Überschwingen, FührungChien/Hrones/Reswick – 20 % Überschwingen, StörungSamal
Noch kein Kurvenpunkt ausgewählt.
Methode

Was wird berechnet?

Empirische Einstellregeln kommen ohne exaktes Streckenmodell aus (Zacher/Reuter Abschn. 8.2). Beim Wendetangenten-Verfahren wird die Sprungantwort der Strecke durch K_S·e^(−s·Tu)/(1 + s·Tg) angenähert: Die Tangente im Wendepunkt schneidet aus der Zeitachse die Verzugszeit Tu und aus der Endwertlinie die Ausgleichszeit Tg (Bild 8.5). Das Verhältnis Tg/Tu ist die Regelbarkeit – je größer, desto kräftiger darf der Regler eingestellt werden. Ziegler-Nichols zielt auf gutes Störverhalten mit etwa 25 % Amplitudenabnahme je Periode (D ≈ 0,2–0,3), Chien/Hrones/Reswick unterscheiden Führungs- und Störverhalten sowie aperiodischen Verlauf und 20 % Überschwingen, Samal halbiert die Verstärkung für träge Anlagen, und die T-Summen-Regel nach Kuhn nutzt die Summenzeitkonstante T_Σ. Beim Schwingversuch wird ein P-Regler bis zur Dauerschwingung angehoben; aus K_PR,krit und der Periodendauer T_krit folgen die Ziegler-Nichols-Werte. Die kritischen Werte lassen sich mit Gl. 8.10 auch aus Tu und Tg abschätzen oder mit dem Bode-/Wurzelortskurven-Rechner berechnen.

Gleichungen

G_S(s) ≈ K_S·e^(−s·Tu)/(1 + s·Tg) (Bild 8.5)

Ziegler-Nichols (Sprung): K_PR·K_S·Tu/Tg = 1 | 0,9 | 1,2; Tn = 3,3·Tu | 2·Tu; Tv = 0,5·Tu

Ziegler-Nichols (Schwingversuch): K_PR = 0,5 | 0,45 | 0,6·K_krit; Tn = 0,83·T_krit | 0,5·T_krit; Tv = 0,125·T_krit

CHR: K_PR·K_S·Tu/Tg nach Tabelle (0,3 … 1,2), Tn = 1,2·Tg … 2,0·Tu, Tv = 0,42 … 0,5·Tu

Samal: K_PR = Tg/(2·K_S·Tu); Gl. 8.10: K_krit ≈ (Tg/(2·Tu) + 1)/K_S

Grenzen

Voraussetzungen und typische Fehler

Gültig für Strecken mit Ausgleich, die sich durch PT1 + Totzeit annähern lassen (Zacher/Reuter Gl. 8.4); nicht für I-Strecken, schwingfähige oder instabile Strecken. Die Tabellenwerte stammen aus Simulationen mit einfachen Modellen; reale Anlagen mit Stellgrößenbegrenzung oder Nichtlinearitäten erfordern Nachjustierung. Heinrich Tab. 7.9 nennt für den Schwingversuch leicht abweichende Faktoren (0,455/0,588 statt 0,45/0,6); der Rechner folgt Zacher/Reuter.

Tu und Tg vertauschen oder die Tangente nicht im Wendepunkt anlegen. Einstellwerte für Störverhalten verwenden, obwohl Sollwertsprünge im Vordergrund stehen (Überschwingen). Tn/Tv der additiven Form in einen Regler mit multiplikativer (seriellen) Struktur übernehmen, ohne umzurechnen.

Welche Methode wann?

Ziegler-Nichols: schnelles Störverhalten, kräftig, für träge Prozesse oft zu schwingfreudig. CHR aperiodisch: kein Überschwingen, langsamer – für Führungsgrößen, die nicht überschritten werden dürfen. CHR 20 %: Kompromiss aus Schnelligkeit und Dämpfung. Samal: langsame Anlagen im Anlagenbau (Heinrich Abschn. 7.4.2). T-Summen-Regel: wenn die Wendetangente schwer zu zeichnen ist, aber die Fläche über der Sprungantwort ausgewertet werden kann.

Eingaben

Was du eingibst – und woher die Werte kommen

Verfahren
„Wendetangente“ verwendet die aus der Sprungantwort abgelesenen Werte K_S, Tu, Tg; „Schwingversuch“ die am geschlossenen Kreis gemessenen K_PR,krit und T_krit. Beide liefern die Ziegler-Nichols-Tabelle, nur die Wendetangente zusätzlich CHR, Samal und Kuhn.
Streckenbeiwert K_S
Endwertänderung der Regelgröße geteilt durch die Sprunghöhe der Stellgröße, aus dem Sprungversuch. Muss > 0 sein; bei negativem Vorzeichen den Regler invertieren.
Verzugszeit Tu
Zeit vom Sprung bis zum Schnittpunkt der Wendetangente mit der Ausgangslinie (Bild 8.5). Enthält Totzeit und kleine Zeitkonstanten. Typisch Sekunden bis Minuten; > 0.
Ausgleichszeit Tg
Zeit zwischen den Schnittpunkten der Wendetangente mit Ausgangs- und Endwertlinie. Entspricht der dominanten Zeitkonstante. Muss > 0 sein; Tg/Tu = 3…10 gilt als gut regelbar.
Summenzeitkonstante T_Σ
Nur für die T-Summen-Regel: Zeitpunkt, an dem die Flächen über und unter der Sprungantwort gleich groß sind (Bild 8.6); näherungsweise Summe aller Zeitkonstanten plus Totzeit. 0 = Regel weglassen.
Kritische Verstärkung K_PR,krit
Reglerverstärkung, bei der der Kreis mit reinem P-Regler gerade dauerhaft schwingt. Aus dem Versuch an der Anlage, aus der Amplitudenreserve (K_krit = K·A_R) oder aus der Wurzelortskurve.
Kritische Periodendauer T_krit
Periodendauer der Dauerschwingung bei K_PR,krit, in Sekunden. T_krit = 2π/ω_π mit dem Phasendurchtritt aus dem Bode-Diagramm.
Ergebnisse

Was jeder Wert bedeutet

Einstelltabelle
K_PR, Tn und Tv je Regel und Reglertyp in der Zeiteinheit der Eingaben. Tn und Tv gelten für die additive Reglerform K_PR·(1 + 1/(s·Tn) + s·Tv). Werte sind Startwerte für die Inbetriebnahme, keine Optimallösung.
Regelbarkeit Tg/Tu
Kennzahl nach Zacher/Reuter Abschn. 8.2.1: > 10 sehr gut, 3…10 gut, < 3 schlecht regelbar. Bei schlechter Regelbarkeit sind kleine Verstärkungen und ggf. Totzeitkompensation nötig.
Geschätztes K_krit (Gl. 8.10)
Kritische P-Verstärkung aus der Faustformel K_krit ≈ (Tg/(2·Tu) + 1)/K_S, nützlich, wenn kein Schwingversuch an der Anlage möglich ist.
Beispiel

Praxisbeispiel aus der Literatur

Zacher/Reuter Beispiel 8.3: Für die P-T2-Totzeitstrecke (K_S = 0,8, T₁ = 5 s, T₂ = 6 s, Tt = 2 s) ergibt die Simulation K_PR,krit = 7,9 und T_krit ≈ 15 s. Die Ziegler-Nichols-Tabelle liefert den PI-Regler K_PR = 0,45·7,9 = 3,55 und Tn = 0,83·15 s = 12,45 s. Der so eingestellte Kreis überschwingt um 50 %; das Buch verbessert per Simulation auf K_PR = 1, Tn = 8 s.

Einordnung

Wofür der Rechner da ist

Erstinbetriebnahme von Temperatur-, Druck-, Füllstand- und Durchflussregelungen in der Verfahrenstechnik, Antriebs- und Heizungsregler, Laborübungen. Die Regeln liefern verlässliche Startwerte, wenn nur eine Sprungantwort vorliegt.

So gehst du vor

  1. Sprungantwort der Strecke aufnehmen und Wendetangente einzeichnen; K_S, Tu und Tg ablesen (oder Schwingversuch durchführen).
  2. Regelbarkeit prüfen und Verfahren nach Ziel wählen: Störverhalten (Ziegler-Nichols, CHR Störung) oder Führungsverhalten (CHR Führung).
  3. Einstellwerte in den Sprungantwort-Rechner übernehmen und Überschwingen sowie Ausregelzeit prüfen.
  4. An der Anlage vorsichtig nachjustieren; Ziegler-Nichols-Werte sind bewusst aggressiv.
Quelle

Fachliche Grundlage

Zacher/Reuter, Regelungstechnik für Ingenieure, 17. Aufl. 2024: Abschn. 8.2.1 Wendetangenten-Verfahren, Ziegler-Nichols, Samal, Regelbarkeit, Chien/Hrones/Reswick, T-Summen-Regel (Gl. 8.4–8.11, Tabellen), Beispiel 8.3. Heinrich, Grundlagen Regelungstechnik, 6. Aufl., Abschn. 7.4, Tab. 7.9 und 7.10. Dubbel, Kap. X, Abschn. 5.3.

Die Quellen belegen Gleichungen und Zahlenbeispiele; die Referenzbeispiele werden in den automatischen Tests des Rechners nachgerechnet. Der Rechner ersetzt keine Simulation mit dem vollständigen nichtlinearen Anlagenmodell.

Zuletzt aktualisiert: 2026-09-20

FAQ

Häufige Fragen

Warum überschwingt Ziegler-Nichols so stark?

Die Regel ist auf schnelles Ausregeln von Störungen mit D ≈ 0,2–0,3 ausgelegt (Zacher/Reuter Abschn. 8.2.1). Für Sollwertsprünge sind die CHR-Führungswerte oder eine anschließende Simulation besser.

Wie bekomme ich K_krit ohne Versuch an der Anlage?

Aus der Amplitudenreserve im Bode-Diagramm (K_krit = K·A_R), aus dem Achsenschnitt der Wurzelortskurve oder näherungsweise mit Gl. 8.10 aus Tu und Tg.

Gilt die Tabelle für digitale Regler?

Bei kleiner Abtastzeit T_A ≪ Tu ja; sonst ist die Abtastzeit als zusätzliche halbe Totzeit zu berücksichtigen (Zacher/Reuter, Einstellregeln nach Takahashi).

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