MethodeWas wird berechnet?
An einer freien Oberfläche herrscht ein ebener Spannungszustand, die Dehnungen sind aber dreiachsig. Das Hookesche Gesetz für zwei Achsen berücksichtigt die Querkontraktion: Eine gemessene Dehnung von 1000 µm/m in Stahl bedeutet nicht 210 N/mm², sondern hängt auch von der zweiten Hauptdehnung ab – bei ν = 0,3 immerhin mit 30 % Gewicht. Die Vergleichsspannung nach der Gestaltänderungsenergiehypothese ist für duktile Metalle maßgebend.
Gleichungen
σ₁ = E/(1−ν²)·(ε₁ + νε₂) (Keil Gl. 9.27)
σ₂ = E/(1−ν²)·(ε₂ + νε₁) (Gl. 9.28)
ε₃ = −ν/(1−ν)·(ε₁+ε₂) (Gl. 9.66)
σ_v = √(σ₁² − σ₁σ₂ + σ₂²) (Gestaltänderungsenergiehypothese, Keil Abschn. 14.9)
GrenzenVoraussetzungen und typischer Fehler
Linear-elastisch, isotrop, ebener Spannungszustand; bei plastischer Verformung sind die Verfahren aus Keil Kap. 13 anzuwenden.
σ = E·ε je Richtung getrennt berechnen und so die Querkontraktion unterschlagen.
EingabenWas du eingibst – und woher die Werte kommen
- Hauptdehnung ε₁ [µm/m]
- Die größte Dehnung an diesem Punkt der Oberfläche (Hauptdehnung 1). Woher: Ergebnis eines Rosettenrechners, oder die Anzeige eines DMS, der bereits in der bekannten Hauptrichtung klebt (z. B. längs am Zugstab).
- Hauptdehnung ε₂ [µm/m]
- Die Dehnung senkrecht dazu (Hauptdehnung 2), oft negativ. Sie ist unverzichtbar, weil die Querkontraktion die Spannung in Richtung 1 mitbestimmt – σ₁ = E·ε₁ wäre falsch. Woher: Rosettenrechner oder zweiter, quer geklebter DMS.
- Elastizitätsmodul E [N/mm²]
- Der Elastizitätsmodul beschreibt, wie steif der Werkstoff des Bauteils ist – wie viel Spannung nötig ist, um eine bestimmte Dehnung zu erzeugen (σ = E·ε). Er wird gebraucht, um aus gemessenen oder berechneten Dehnungen Spannungen zu machen und umgekehrt. Woher: Werkstofftabellen oder Datenblatt; Stahl ≈ 210 000 N/mm², Aluminium ≈ 70 000 N/mm², Titan ≈ 110 000 N/mm². Bei erhöhter Temperatur sinkt E.
- Querdehnungszahl ν
- Die Querdehnungszahl (Poisson-Zahl) gibt an, wie stark sich ein Werkstoff quer zusammenzieht, wenn er in Längsrichtung gedehnt wird: ε_quer = −ν·ε_längs. Sie ist wichtig, weil quer geklebte DMS genau diese Querdehnung messen und weil bei zweiachsigen Spannungszuständen beide Richtungen zusammenwirken. Woher: Werkstofftabellen; Stahl 0,28–0,30, Aluminium 0,33, Kunststoffe 0,35–0,45.
EinordnungWofür der Rechner da ist
Auswertung jeder DMS-Spannungsanalyse, Nachweis der Ausnutzung an Kerben und Übergängen, Validierung von FE-Rechnungen mit Messwerten.
Wie es weitergeht
- Hauptdehnungen aus der Rosettenauswertung oder aus zwei DMS in bekannten Hauptrichtungen übernehmen.
- E und ν des Messobjektwerkstoffs bei Messtemperatur eintragen.
- σ_v mit der Streckgrenze vergleichen; σ₁ für spröde Werkstoffe (Normalspannungshypothese) heranziehen.
QuelleFachliche Grundlage
Keil, Dehnungsmessstreifen, 2. Aufl. 2017, Abschn. 9.4 Der zweiachsige Spannungszustand, Gl. (9.24)–(9.29); Abschn. 9.8, Gl. (9.66); Abschn. 14.9 Gestaltänderungsenergiehypothese.
Die Quelle belegt die Gleichungsstruktur und die Zahlenbeispiele; dieser Rechner ersetzt keine Kalibrierung der Messkette.
FAQHäufige Fragen
Wie groß ist der Fehler ohne ν?
Bei ε₂ = −νε₁ (einachsig) null; bei ε₁ = ε₂ dagegen unterschätzt σ = Eε die Spannung um den Faktor 1/(1−ν) ≈ 1,43.
Was ist ε₃?
Die Dickenänderung senkrecht zur Oberfläche; sie folgt aus σ₃ = 0 und ist für die Oberflächenanalyse nicht nötig.
Welche Hypothese für Grauguss?
Die Normalspannungshypothese: maßgebend ist σ₁ (Keil Abschn. 14.4).
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